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Choreographie

im Klassenzimmer

Mittwoch, 8. Februar 2012: Als die Schüler der 9c der Peter-Hille-Realschule Nieheim heute nach der Pause ins Klassenzimmer kommen, sieht alles ganz anders aus. Tische und Stühle sind zur Seite geschoben und geben in der Raummitte eine Tanzfläche frei. Als KulturScouts-Klasse bekommen die Schüler heute Besuch von der Musicaldarstellerin und Theaterpädagogin Kerstin Tölle vom Theater Bielefeld. Sie hat den weiten Weg nach Nieheim – mitten in Höxter – auf sich genommen, um die KulturScouts mit einem Workshop auf das Tanztheaterstück Identity 2.0 vorzubereiten, dass sie in einigen Wochen besuchen werden.

„Wer von Euch war denn schon einmal im Tanztheater?“ erkundigt sich Frau Tölle. Verlegenes Räuspern… bisher noch niemand. Umso besser: Da gibt es viel Neues zu lernen! Zum Beispiel wo der Unterschied ist zwischen Ballett und zeitgenössischem Tanztheater. „Das Stück, das Ihr Euch ansehen werdet, heißt ‚Identity 2.0’.“ Die Schüler rätseln, was es mit diesem Titel wohl auf sich haben könnte und nähern sich langsam an: Es geht darum, wie man sich im Internet neu erfinden kann, über die Chancen aber auch die Tücken von sozialen Netzwerken.

Bei der nächsten Übung soll der gesamte Raum ausgenutzt werden, ausbalanciert wie ein Tablett. Zu Musik bewegen sich die Schüler in vier Gruppen in unterschiedlichen Tempi durch den Raum, rasend schnell, gemächlich gehend, in Zeitlupe bis zum Stillstand. In den vier Teams werden anschließend individuelle Heldenstatuen dargestellt. Einer gibt die Pose vor, die anderen ahmen ihn nach. Dabei ist Konzentration geboten, damit man den Einsatz auch nicht verpasst.

Nun folgt ein choreographischer Teil mit Elementen aus filmischen Kampfszenen. Das gemeinsame Tanzen ist zunächst recht ungewohnt für die KulturScouts und das Bedürfnis, sich darüber auszutauschen groß. Aber es wird mit Spaß und Einsatz mitgearbeitet.

Nach einer Pause stellt Frau Tölle der Klasse einige Details aus dem Stück Identity 2.0 vor, ohne dabei zu viel zu verraten. Die KulturScouts wissen nun zum Beispiel, dass es einen riesigen Scanner unter dem Schnürboden gibt, der das Geschehen auf der Bühne immer wieder abscannt. Ferner gibt es dort ein Netz, in dem man wunderbar klettern, aber sich auch leicht verfangen kann. Solche Symbole können die KulturScouts schnell entschlüsseln und auf die Nutzung von neuen Medien übertragen. Über 80% der Schüler in der 9c haben ein Facebook-Profil. Nur wenige halten das social networking für Zeitverschwendung, haben Bedenken um die Sicherheit ihrer Daten oder Eltern, die eine allzu sorglose Nutzung des Internets verbieten. Klar ist facebook eine Plattform, um sich selbst darzustellen – mit lässiger Pose und Sonnenbrille.

Es folgt eine Übung, mit der sich KulturScouts mit der Frage auseinander setzen, wie man heute mit der Datenflut umgeht, der man tagtäglich durch die neuen Medien ausgesetzt ist: Ein Schüler steht im Kreis seiner Mitschüler, die ihm – zunächst langsam der Reihe nach, dann immer schneller und schließlich wild durcheinander – Informationen zurufen, die er wiederholen muss. Die können wahr, frei erfunden oder ganz dreist gelogen sein: „Ich trage eine Uhr.“ – „Ich kann Mathe nicht.“ – „Ich mache meinen Führerschein.“ – „Ich habe pinke Augen.“ Der KulturScout in der Mitte wiederholt anfangs die ihm zugerufenen Sätze, im Verlauf nur noch Schlagworte daraus. Kaum mehr zu rekonstruieren, von wem welche Information kam und ob sie wahr ist oder nicht.

Zum Schluss tun sich die KulturScouts erneut in Gruppen zusammen, in denen einer das Original und die anderen die Kopie sind. Zu dieser Vorgabe erfinden die Schüler in nur 10 Minuten interessante eigene Choreographien, die der Klasse abschließend vorgeführt werden. Selbstverständlich bekommt jeder einen gebührenden Applaus.

Viel zu schnell endet der Vormittag, der sehr neugierig gemacht hat auf den Besuch im Theater Bielefeld und das Stück Identity 2.0.

Lilian Wohnhas

martaNRW
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