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KulturScouts als

Novizen in Dalheim

Durch eine kleine Pforte hindurch gelangen die KulturScouts aus der Kuhlo-Realschule Bielefeld in das Innere der mittelalterlichen Anlage von Kloster Dalheim. Hier eröffnet sich ihnen ein unerwartet weitläufiger Aus- oder besser Einblick. Frau Voss begrüßt die Schüler der 6d und löst zunächst leise Verwunderung aus. Irgendwie ist sie merkwürdig gekleidet: Eine weiße Tunika und darüber ein schwarzes Skapulier, in der Hand eine Rose und Salbei. Den Schülern erscheint sie wie eine Figur, die aus der Geschichte gefallen ist.

Tatsächlich nimmt Frau Voss die Klasse heute mit in eine andere Zeit: „Sobald Ihr in den Kreuzgang tretet, werdet Ihr zu Novizen in Dalheim im Jahre 1472.“ Die KulturScouts sind bereit, sich auf das Rollenspiel einzulassen. Vorab müssen aber noch einige grundlegende Fragen geklärt werden. Allen voran: „Warum gehen Menschen (auch heute noch) überhaupt ins Kloster?“ Einer Schülerin fällt ein: „Wenn sie Stress mit der Familie haben?“ Ein Zitat an der Museumswand macht deutlich, dass dies für einen Menschen schon vor hunderten von Jahren einer von vielen Gründen war: Ins Kloster eintreten, um zum Beispiel einer unfreiwilligen Heirat zu entkommen. Aber noch andere Gründe gab es da: „Könnt Ihr denn alle schon lesen und schreiben?“ fragt Frau Voss die Sechstklässler. Die Frage ruft spontan empörtes Schnauben und irritiertes Gelächter hervor: „Ist doch klar!“ – „Für Menschen im 15. Jahrhundert war es nicht so selbstverständlich, lesen und schreiben zu können. Im Kloster hatten sie die Möglichkeit, das zu lernen. – Und könnt Ihr auch alle Latein?“ Da müssen die KulturScouts passen. „Na, dann haben wir noch viel zu tun, bis ihr in unser Kloster aufgenommen werden könnt.“

In einer – mehr oder weniger – schweigenden Prozession tritt die Klasse den Weg in den Kreuzgang an. In den Gewölben der lichtdurchfluteten Gänge sind Spuren der mittelalterlichen Malereien zu entdecken. Zwei Restauratorinnen stehen auf Gerüsten und arbeiten mit winzigen Pinseln an der Sicherung der kostbaren Fresken. „Warum malt man das denn nicht richtig aus?“ wundert sich einer der Schüler. „So kann man ja gar nicht sehen, was das sein soll!“ Frau Voss nimmt sich die Zeit, zu erklären, warum Restauratoren nur nach strengen Regeln arbeiten und nur dass rekonstruieren dürfen, von dem man ganz sicher wissen kann, wie es einmal ausgesehen hat. Die KulturScouts lernen, dass sich hier nach der Säkularisierung ein Kälberstall befunden hat und dass viele der alten Malereien unter dieser radikalen räumlichen Umfunktionierung sehr gelitten haben. Hier sind die Apostel zu sehen. „Das war praktisch, so mussten die Novizen sie nicht alle gleich auswendig lernen.“

Die jungen Novizen versammeln sich im Kapitelsaal des Klosters, wo sie in weiße klösterliche Leinengewänder gehüllt werden. Hier lernen sie zunächst, was für unterschiedliche Berufe und Aufgaben es im Kloster gab. Der Erkundungsgang führt sie dann an verschiedene spannende Stationen: Im Mittelalter gab es hier nur einen einzigen beheizbaren Raum. „Wie jetzt, Fußbodenheizung im Mittelalter?“ fragt ein KulturScout ungläubig. Anhand eines hölzernen Bausatzes und in einer Übung zu zweit lernen die KulturScouts, warum das gotische Spitzbogen-System für die Baustatik so praktisch war. Vom Chorgestühl in der alten Kirche aus versuchen sich die Schüler in einem gemeinsamen Lied und lauschen dem enormen Nachhall eines tosenden Beifalls. Im Speisesaal lernen sie die Bedeutung des inneren und äußeren Gleichgewichts, wie man sich mit Zeichensprache ohne gesprochene Worte verständigte,  dass hier im Mittelalter noch ganz andere Tischregeln galten als heute und dass man damals 160 Tage im Jahr fastete.

Warum sich Menschen trotz der vielen strengen Regeln und des Verzichts auf eigenen Besitz und viele Sinnesfreuden für das Leben im Kloster entschieden haben, ist aus unserem heutigen konsumgelenkten Leben heraus vielleicht schwer vorstellbar. „Viele nahmen die Einschränkungen auf sich, weil für sie die Sicherheit innerhalb der klösterlichen Gemeinschaft einen unschätzbaren Wert hatte,“ erklärt Frau Voss der Klasse.

„Warum bekommen wir nicht auch so einen schwarzen Umhang?“ will einer der Schüler wissen. „Den bekommt nur der, der sich entscheidet, für immer hier im Kloster zu bleiben. Wer könnte sich das denn vorstellen?“ Tatsächlich melden sich einige Schüler. Was denn passiere, wenn man gegen die Klosterregeln verstößt, wollen einige Schülerinnen wissen, und was genau es bedeutet, vogelfrei zu sein. Besonders das Gebot absoluter Enthaltsamkeit ist in den Augen der meisten Schüler ein gewisses Handicap.

Die lebendigen Ausführungen der Museumspädagogin, die vielen praktischen Interaktionen aber auch das ansprechende, zeitgenössische Ausstellungsdesign im Kloster Dalheim, das die Geschichte buchstäblich „begreifbar“ macht, lassen keine Langeweile aufkommen. Die Lehrerin Frau Wolter bemerkt am Ende: „Frau Voss hat eine so gute, zielgruppengerechte Ansprache und ist auf die Fragen der Schüler so individuell eingegangen, dass ich mir sicher bin, die Schüler werden von dem, was sie heute hier lernen konnten, noch lange etwas haben.“ In der Schule werden die KulturScouts ihren Vormittag in Dalheim wieder in Form von großen Plakaten verarbeiten, um allen anderen Schülern zu zeigen, was sie dort erlebt haben und um sie zu ermuntern, diesem besonderen Kulturort ebenfalls einen Besuch abzustatten. „Auf jeden Fall werden wir noch einmal mit unseren Eltern herkommen!“ melden schon am selben Tag einige Schüler zurück.

Antje Nöhren

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